Stuttgart 21 ist das Reizwort, besonders nach dem gestrigen Tag, und erst recht nach der Nacht des Bäumefällens. Seit Monaten versammeln sich Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Bildung am Hauptbahnhof und stehen Schulter-an-Schulter für ihren Bahnhof, für ihren Schloßpark, für ihre Bäume. Monoton hört sich der Sprechgesang an “oben bleiben, oben bleiben”. Als die Lärmschutzmauer am Bahnhof abgerissen wurde, flossen Tränen, auf den Gesichtern sah man Entsetzen, Verzweiflung.
~~ ist bekannt, dass dieser gedrungene dunkle Bonatz-Bau zur gleichen Zeit entstand, wie die lichtdurchflutete Weißenhofsiedlung – dass die Architekten eines gemeinsam hatten: den Deutschen Werkbund? ~~
und immer mehr Menschen stehen auf der Straße in Stuttgart und rufen “oben bleiben”, bunt gemischt und meine Gedanken überpurzeln sich.
Solche demonstrierende Menschenmassen mit dieser Intensität erlebte ich seit Jahren nicht mehr: keine Staatsverschuldung, kein Bundeswehreinsatz, keine irrgeleitete Bildungspolitik und auch nicht die Finanzkrise brachte in den letzten Jahrezehnten nennenswerte Menschenmassen nachhaltig auf die Straße.
Vor einigen Wochen las ich in diesem Zusammenhang eine mögliche Erklärung, die für mich immer nachvollziehbarer wird:
ein Bahnhof, ein Park, alte Bäume… das kann ein Stück Lebens-Menschen-Erfahrungs-Kultur sein. Da ein kleines Stück Kindheit, dort die erste Liebe, und hinter dem großen Baum gab es den ersten Kuß. Gebäude, Häuser, Türme, Brücken, Bäume sind wahrnehmbar und (be)greifbar. Man fühlt, man riecht, man kann ertasten. Man riecht die Zuckerwatte beim Kirmesausflug, man fühlt den Baumstamm im Schloßpark, etc. etc.
Es ist wie der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt. Jahrelang hätte man weiter die Steuererhöhungen geduldet, hätte den Gürtel noch enger geschnallt, hätte noch mehr Einschränkungen hingenommen.
Aber wenn ihr mir die Bäume, meine Erinnerungen nehmen wollt, dann gehe ich auf die Straße. Egal ob ich ein Rentner bin, eine Hausfrau, eine Angestellte, ein Student, ein Arbeitesloser, ein Kind, ein Schüler, egal…”begreifen” muss man es können, dann wehrt man sich.
Das war mein heutiges Gedankengeschwurble zur aktuellen Lage in meinem Stuttgart. Ja, es reicht, es reicht, es reicht, und : oben bleiben