Wenn ich Bilder betrachte und ich merke, dass – trotz guter Qualität, gutem Bildaufbau, starkes Motiv etc. – mich etwas stört, kopiere ich das Bild in PS und spiegle es. Und meistens: Volltreffer! Mein Bauch grummelt meistens, wenn der Eyecatcher des Bildes zu sehr nach links positioniert wird, denn dann bleibt mein Blick hängen und hängen und hängen… so dass ich dann oft in mir sich der Satz formulierte: na, dann lieber mittig.
Ich fragte mich, warum mich der Bildaufbau stört, warum ich es für mich (!) wichtiger empfinde, wenn der Eyecatcher eher rechts plaziert ist und ich beobachtete mich
… beim Lesen
… beim Sehen
und ich beobachtete
… die Kameraführung in Filmen
… die Bilder von alten Meistern
Wie ist die Blickrichtung bei den Menschen, deren Schriftweise von rechts nach links geht…. ist auch deren natürliche Blickrichtung anders als die meinige? Mich würde es interessieren…
Ich erspare mir an dieser Stelle mal die von mir üblichen Lästereien über die Unfähigkeit von Fotografierenden, die einfach nur abdrücken, sich aber niemals über Bildgestaltung und menschliche Wahrnehmung Gedanken machen….
Es ist tatsächlich so, dass in Kulturen, in denen von rechts nach links gelesen wird auch die Bildbetrachtung von rechts nach links funktioniert. Allerdings kann man das jetzt nicht einfach so pauschal in den Raum stellen, denn in vielen Ländern werden schon recht früh Fremdsprachen wie englisch und französisch gelehrt, das verändert dann auch die Art und Weise der Bildbetrachtung.
Die Richtung ist also abhängig von kulturellem Umfeld und Bildungsstand.
Ein Mensch, der (als des Lesens und Schreibens mächtiger) von einer rechts-nach-links-schreib-Kultur in eine links-nach-rechts-schreib-Kultur umsiedelt und die dort übliche Sprache erlernt, ändert nach und nach auch seine Blickrichtung in der Bildbetrachtung. Fährt er dann „nach Hause“, so akklimatisiert er sich relativ schnell wieder, denn er ist ja in der von-rechts-nach-links-schreib-Kultur aufgewachsen.
Spannend dabei sind für mich immer wieder die Asiaten. Schau Dir mal Bilder von chinesischen oder japanischen Fotografen an – sie gestalten ein Bild in der Diagonalen – von links oben nach rechts unten.
Hallo Tilla,
ich glaubte ja nicht wirklich daran
Aber ich habe jetzt mal nach ein paar HPs bzw. nach Bildern aus Ländern-mit-einer-anderen-Schreibrichtung gesucht. Du hast recht.
Das würde dann ja bedeuten – vom goldenen Schnitt losgelöst – dass es nicht den-für-alle-von-der-Blickrichtung-her-gesehen richtigen Bildaufbau gibt.
Eigentlich könnte es zum Fürchten sein, wie sehr wir in der Wahrnehmung durch unsere Kultur (des Lesens und des Schreibens) beeinflusst werden… aber nur eigentlich. Danke!
Warum sollte das „zum Fürchten“ sein? Ich finde es spannend.
Irritation bei der Betrachtung führt immerhin zu genauerem Hinschauen und Gedanken drüber machen.
Hast Du ja bewiesen
Und das ist schon ne ganze Menge wert.